Früher als Kind konnte man mich kaum von der Mattscheibe wegkriegen, heute besitze ich nicht mal mehr einen Fernsehapparat.
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| © RadioRover |
Ich mochte die Zeichentrickfilme wie Bugs Bunny oder die Blaue Elise und die Vorabendserien im ersten und zweiten Programm, die halbe Stunde „Lieber Onkel Bill“ oder „Westlich von Santa Fé“ vor dem Abendessen und dem Fingerzeig in Richtung Bett. Private Sender gab es noch nicht, dementsprechend überschaubar war das Angebot, und ich glaube, auch die Präsentation, die Kameratechnik hat sich inzwischen gewaltig geändert. Damals bestand ein Film noch aus längeren, nahtlosen Sequenzen, ohne dass ständig zwischen mehreren Perspektiven hin und her geschaltet wurde.
Irgendwann im Laufe meiner Jugend fiel dann meiner Umgebung auf, dass ich die Schauspieler verwechselte. Das trug zur Erheiterung bei oder provozierte Kopfschütteln: Wie kann man nur …! Mir selbst wurde allmählich bewusst, dass fernsehen anstrengender wurde. Mit Dokumentarfilmen oder Quizshows kam ich gut zurecht, doch Spielfilme ödeten mich zunehmend an. Sie bereiteten mir keine Entspannung, im Gegenteil, es wurde anstrengend ihnen zu folgen.
Inzwischen kann ich die Gründe benennen. Meine Erfolglosigkeit beim Fernsehen ist unter anderem auf die Prosopagnosie zurückzuführen. Mir fehlen die Voraussetzungen, um die bildlichen Informationen, die über das Medium Film transportiert werden, genauso schnell und vor allem richtig zu entschlüsseln, so wie es vom Regisseur gedacht ist.
Bei Dokumentarsendungen ist das Problem bei weitem nicht so deutlich, denn bei Dokumentationen geht es in erster Linie um die Vermittlung von Inhalten, um Sachthemen, und die wiederum sind in der Regel gut zu handhaben über Argumentation und Folgerichtigkeit. Ich muss das optische Drumherum also nicht in jeder Einzelheit verstehen, solange die inhaltlichen Aussagen über die Sprache schlüssig vermittelt werden, so dass ich mich daran entlanghangeln kann.
Bei Spielfilmen dagegen reicht das nicht aus. Spielfilme sind fiktive Geschichten. Sie folgen der individuellen Dramaturgie des Regisseurs, und ich als Zuschauer kann nicht wissen, was mich erwartet. Wenn ich den Film verstehen will, muss ich auf die vorgegebenen Strukturen eingehen, muss mich an die Hand nehmen lassen und die Handlungen, Dialoge, Gesten und Schnitte als gegeben akzeptieren in der Hoffnung, dass die Signale so unmissverständlich sein mögen, dass selbst ich zu den beabsichtigten Schlussfolgerungen kommen kann.
Doch mit den Gesichtern ist das so eine Sache. Wie soll ich einen Film begleiten, wenn ich nicht mal alle Schauspieler als unterscheidbare Individuen wahrnehme? Schauspieler sind meist sehr gut aussehend mit harmonischen Gesichtszügen. Besonders das Schönheitsideal der alten Hollywood-Produktionen brachte einen Typus hervor, der in seiner ebenmäßigen Gleichförmigkeit zum Abziehbild wurde. Die Gesichter sind austauschbar, ohne dass dies in die Aussagen des Filmes eingreifen würde. Bis heute kann ich nicht Cary Grant von James Stewart, Gary Cooper, Gene Kelly und Rock Hudson unterscheiden. Sollten zwei dieser Schauspieler im selben Film mitspielen, wird es schwierig für mich, denn wer nicht genau weiß, wer welche Rolle verkörpert, wird es schwer haben, der Handlung zu folgen. Lediglich solche Schauspieler wie Spencer Tracy oder Orson Welles, die in markanter Weise vom Mainstream abweichen (und sei es in ihrer gedrungenen Gestalt), bringen einen deutlichen Wiederkennungswert mit sich. Ein Inspektor Colombo ist also schon allein deshalb attraktiv, weil mich sein auffällig hängendes Auge und sein immer gleicher Trenchcoat zuverlässig durch den Film navigieren.
Doch selbst wenn ich die zwei, drei Hauptdarsteller - nehmen wir zum Beispiel Kommissar Stöver und sein Kollege Brocki vom Hamburger „Tatort“ - gut im Blick zu behalten vermag, gibt es ja noch die Nebendarsteller, und die können alles ganz schön durcheinander bringen. Je mehr Gesichter beteiligt sind, desto konfuser wird es. Filme bestehen ja aus Zeitsprüngen und anderen Perspektiven, aus immer neuen Sequenzen, die aneinander gereiht werden und an verschiedenen Orten mit wechselnden Straßen, Häusern oder Zimmereinrichtungen spielen. Wenn nun also bei Kommissar Stöver – um bei diesem Bild zu bleiben – die Zeugin XY ins Büro auf dem Polizeirevier kommt, um eine Aussage zu machen, ist für mich nicht automatisch ersichtlich, um wen es sich handelt. Es könnte eine Filmfigur sein, die zum ersten Mal auftaucht. In diesem Fall wäre es nicht verwunderlich, wenn mir ihr Gesicht unbekannt vorkäme. Allerdings wäre es ebenso denkbar, dass die Person bereits ein paar Szenen vorher schon einmal aufgetreten ist, nur weiß ich das nicht, weil ich die Frau mit dem Kopftuch und den Gummistiefeln, die derzeit von Kommissar Stöver im Vorgarten eines Reihenhauses befragt worden war, nicht als identisch mit jener Dame erkenne, die nun im Kamelhaarmantel und Brille auf seinem Bürostuhl sitzt.
Allein dass ich bereits bei solch unbedeutenden Nebenszenen zum falschen Ergebnis komme, kann das Verständnis des gesamten Films gefährden. Manchmal fällt mir schon während des Zuschauens auf, dass mir der Inhalt entgleitet. Dann muss ich in Gedanken zurücklaufen und versuchen, die Abzweigung zu finden, wo ich falsch abgebogen bin. Die Dame mit den Gummistiefeln im Vorgarten wird somit nachträglich zur passenden Funktion korrigiert, so dass ihr Auftritt mit dem jener Dame auf dem Polizeirevier endlich eine schlüssige Einheit bildet.
In andern Fällen unterliege ich recht lange der Illusion, ich hätte alles richtig verstanden. Manchmal dauert es bis zur Spielfilmmitte, bis ich merke, dass etwas nicht mehr logisch zusammenpasst. So erging es mir beispielsweise mit einem skandinavischen Film. Er handelte von einer Handvoll junger Menschen, über die in wechselnden Szenen aus ihrem Alltag berichtet wurde, zum Beispiel von einer Ärztin im Krankenhaus oder einer jungen Frau, die ihren Partner mit ihrem hartnäckigen Kinderwunsch nervte. Die einzelnen Figuren hatte ich soweit korrekt eingeordnet. Jedenfalls war ich zufrieden mit meiner Interpretation; das Zuschauen empfand ich nicht als sonderlich anstrengend. Nur eins verstand ich nicht: Wie gehörten diese Ärztin und die Frau mit dem dringenden Kinderwunsch in dieses Konstrukt? Für mich ergab sich kein Sinn. Eine der beiden Frauen schien übrig zu sein, passte nicht recht in den Handlungsablauf. Ihr Auftreten hing sonderbar unvollständig im Raum.
Es dauerte lange, bis ich endlich begriffen hatte, dass die Ärztin und die junge beabsichtigte Mutter ein und dieselbe Schauspielerin waren. Ich hatte sie nur nicht als identisch erkannt, weil die Darstellerin im Krankenhaus einen weißen Kittel und einen Pferdeschwanz trug und daheim in Privatkleidern und mit offenen Haaren unterwegs war. Für mich waren dies zwei eigenständige Personen gewesen.
Der Ärger, den solche Unzulänglichkeit verursacht, hat mir im Laufe der Jahre den Spaß an den Spielfilmen vergällt. Spielfilme sind keine Entspannung, sie sind Arbeit. Ich konnte ohnehin nie recht verstehen, was andere Leute so attraktiv daran finden, in einem Kino auf einem engen Sitz eingeklemmt auf eine große Leinwand zu starren. Ebenso wenig kann ich die Freude nachempfinden (seit ich die Bugs-Bunny-Phase hinter mir habe), warum man freiwillig daheim seinen Feierabend mit dem Anstarren des Fernsehbildes verbringt. Ich habe stets nebenbei etwas anderes erledigt – Karten gespielt, gebastelt, gestrickt, die Ablage gemacht – und dabei nur sporadisch auf die Mattscheibe geschaut. Filme waren also schon früh zu Hörspielen geworden. Die Sprache war mir wichtig. Vor allem sie vermittelte mir den Inhalt; die Bilder waren nebensächlich, allenfalls praktisch, um eine grobe Orientierung zu gewähren, denn wer schon fertige Bilder nutzt, braucht sich keine eigenen zu schaffen.
Inzwischen besitze ich, wie gesagt, überhaupt keinen Fernseher mehr. Ich habe den Abschied nie bereut. Ab und zu spüre ich Lust nach einem alten „Tatort“, nach Brocki und Stöver oder nach Kommissar Haverkamp. Es ist mehr Nostalgie, das Heraufbeschwören schöner Erinnerungen an meine Jugendzeit, als der Wunsch nach Ablenkung oder Anregung. Das Sehen ist dabei noch immer unwichtig. Ich schalte YouTube an, lasse den „Tatort“ im Hintergrund laufen und sortiere meine Fotos am Bildschirm. Die Sprache reicht. Die Bilder dazu produziert jetzt mein eigener Kopf – oder auch nicht. Ich vermisse nichts.

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